Im Training Zorn und Feinde überwinden

Es gibt einfach Dinge, die muss man persönlich austragen, die kann man nicht delegieren. Auch nicht in der Chefetage! Oder vielleicht erst recht da nicht. Ich hasse diesen arroganten Emporkömmling, diese blendend aussehende Niete, diesen besser ausgebildeten Schleimer! Ich hasse ihn, ich könnte ihm die teuren Zähne rausschlagen, ich könnte ihm sein Blut aus den Ohren dreschen, ich möchte ihn vor mir auf den Knien sehen. Ach, da kommt er schon den Gang entlang, mit federnden Schritt, den Anzug hat er von mir abgeschaut. Und meine Sekretärin, das Luder, sie lächelt ihn auch noch an. Zwischenmenschliche Konflikte lassen sich nicht einfach sachlich lösen. Und wenn doch – dann will ich es mit diesem Kerl nicht. Das ist nicht nur ein beruflicher Konkurrent, einer der üblichen Rivalen, die sich nach etwas Druck wegducken – nein, das ist mein erklärter Feind. Und ich fühle mich wirklich befreit, das auch so zu formulieren. Aber das reicht mir nicht, ich will mich schon mit ihm auch als Mann messen, ohne die üblichen Schutzzonen guten Benehmens. Ich will es archaisch, ich will keinen Deal, ich will einen bösen Kampf zwischen uns beiden, mit einem klaren Ergebnis, das man nicht kaputt diskutieren kann, das alle akzeptieren müssen. Ich will mit Eisen kämpfen und nicht mit Manschettenknöpfen! Jetzt sitzt er vor mir und eigentlich könnte man ja auch Freundschaft schließen, vielleicht weil wir uns doch zu ähnlich sind. Aber das geht noch nicht, das ist noch was Bedeutendes zwischen uns beiden, was persönlich geregelt werden muss. „Haben Sie alles dabei?“ Natürlich habe ich bereits gestern meine Sporttasche mit den Boxhandschuhen, den blutroten Bandagen und meinen Mundschutz in unseren Konzernfarben gepackt. Was denkt er von mir. Meine Sekretärin wünscht uns beiden Glück! Ja, das wird er sicher brauchen, wenn wir dann im Boxring stehen.

Im Sport einfach mal alles raus lassen

Die Räume bei Boxclan sind spartanisch, alles auf Kampf, Disziplin und Konzentration ausgerichtet. Zwei Lichtsäulen von ganz weit oben kreisen über den Ring, der kalt und einsam auf uns beide wartet. Wer bekommt welchen Coach, der in der Ecke steht, der Handtuch und Trinkflasche parat hält, der genau weiß was zu tun ist, wenn es eng wird, wenn es gnadenlos wird, wenn es gilt durch die eigene Angst zu gehen, nicht aufzugeben, klug zu boxen, Charakter zu zeigen. Boxclan – Personaltrainer Özgür Günes spricht leise und beruhigend auf meinen Kontrahenten ein. Der mehrfache internationale Titelträger weiß was heißt zu kämpfen. In meiner Ecke steht die Trainerin Anastasia Kudryashova, Personaltrainerin bei Boxclan und 4-fache russische Meisterin. Sie lächelt, baut mich, ernsthaft, mit klaren Augen. Jetzt gilt es für uns beide, wer ist der Stärkere, der Klügere, der Gesündere… also der bessere Mann. Die Welt um uns herum scheint nicht mehr auffindbar. Es zählt nur mehr dieser Raum und in uns dieses wunderbares Gefühl von Lebendigkeit. Die Runde dauert drei Minuten, endlos lange Minuten, die jeden Fehler bestrafen, die höchste Konzentration abfordern, die keine Ausreden kennen. Wir beiden schenken uns nichts, jeder Schlag ist eine absolute Herausforderung, die nur von den Rufen unser beiden Boxtrainer nach mehr Deckung, nach mehr Fighten begleitet werden. Dann endlich Pause. Beide trinken wir, brennen auf die kommende Runde und doch schreit noch jeder Schlag aus der vergangenen Runde in uns. Laut, unstillbar. Mann denkt, man hat noch Luft, man denkt, man hat noch genug Reflexe. Doch diese zweite Runde gerät zur totalen Anforderung.

Durchalten, parieren, die Beine müssen automatisch reagieren. Wo bleibt meine Hartnäckigkeit? Drei, vier harte Treffer, dort hin wo sie sein müssen. Nicht auf die Arme, nicht auf die Handschuhe – ins Gesicht, ins Zentrum, in die Wunde. Irgendjemand schlägt scheppernd auf Holz, also noch 10 Sekunden. Wie steht es, frage ich Anastasia. „Du führst knapp!“ Mein Rivale schnauft schwer, so kenne ich ihn nicht. Er, der immer cool grinst bei den Meetings, der aufdringlich oft den Souveränen gibt, der es gelernt hat, jedem von uns in die Augen zu schauen. Ich sehe mich und meinen Gegner im Lichtschatten der beiden Scheinwerfer. Sehe die beiden Trainer und deren Achtsamkeit. Spüre in dieser dritten, in dieser letzten und entscheidenden Runde, wie aus dem Hassobjekt gegenüber ein Kämpfer geworden ist, dem ich Respekt zolle, dem ich Verständnis entgegne. Wir riechen uns im Infight, wir beobachten das Leben in den Adern, spüren diese Schwere, die brutale Fokussierung – aber auch diese Sehnsucht nach dem Aufhören und zugleich diese Leidenschaft für den Sieg alles zu geben. Dann ist der Boxfight zwischen uns beiden vorbei. Ein wunderbares Duell ist ausgekämpft.

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